Epilepsie beim Hund: Ein Ratgeber für ein sicheres Zusammenleben
-
Von
Dr. med. vet. Sabina Büttner - 12.01.2026

Die Diagnose Epilepsie wirft viele Fragen auf und kann für Hundebesitzer zunächst beängstigend wirken. Doch mit dem richtigen Wissen und Management können viele betroffene Hunde ein glückliches und erfülltes Leben führen. Hier erfahren Sie, was im Gehirn Ihres Hundes passiert, wie Sie einen Anfall erkennen und im Notfall richtig handeln.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist eine Erkrankung des Gehirns, bei der eine anhaltend erhöhte Wahrscheinlichkeit für epileptische Anfälle besteht. Ein solcher Anfall entsteht durch eine exzessive, „elektrische“ Aktivität der Nervenzellen im Gehirn – ähnlich einem Gewitter im Kopf. Epilepsie ist die häufigste chronische neurologische Erkrankung bei Hunden und betrifft etwa 0,6–0,7 % der Population1.
Die Ursachen
Man unterscheidet grundsätzlich zwei Formen:
| Idiopathische Epilepsie | Strukturelle (symptomatische) Epilepsie |
|---|---|
| Dies ist die häufigste Form. Hierbei kann keine organische Ursache (wie ein Tumor oder eine Entzündung) gefunden werden; das Gehirn ist strukturell gesund. | Hier liegt eine Grunderkrankung vor, die die Anfälle auslöst. |
| Oft wird eine genetische Komponente vermutet. | z. B. nach einem Kopftrauma, durch Entzündungen, Missbildungen oder Tumore. |
Betroffene Hunde
In erster Linie sind Rassehunde betroffen, aber grundsätzlich kann jeder Hund an idiopathischer Epilepsie erkranken.
- Die ersten Anfälle treten meist im Alter zwischen 6 Monaten und 5–6 Jahren auf.
- Rüden sind etwa 1,5-mal häufiger betroffen als Hündinnen, während der Kastrationsstatus keinen Einfluss hat.
- Besonders häufig sind bestimmte Rassen wie der Tervueren, der Irische Wolfshund und der Border Terrier betroffen.2,3
Diagnose der idiopathischen Epilepsie
Leider gibt es keinen Test, mit dem sich eindeutig feststellen lässt, ob Ihr Hund von idiopathischer Epilepsie betroffen ist. Die Diagnose erfolgt als reine Ausschlussdiagnose. Es müssen zwei Hauptfragen geklärt werden:
- Handelt es sich um epileptische Anfälle? (Ausschluss anderer Erkrankungen wie Synkopen, Narkolepsie, etc.)
- Kann eine zugrundeliegende Ursache festgestellt werden?
Empfohlene Untersuchungen umfassen eine klinische und neurologische Untersuchung, Blut- und Urinuntersuchungen, in gewissen Fällen eine Magnetresonanztomographie (MRT) und eine Analyse des Hirnwassers (Liquor) und bei gewissen Rassen einen Gentest.
Wie erkenne ich einen Anfall? Die drei Phasen.
Ein epileptischer Anfall läuft typischerweise in drei Phasen ab. Diese zu kennen, hilft Ihnen, die Situation besser einzuschätzen.
1. Aura / Vorboten (Prodromalstadium)
Stunden oder sogar Tage vor dem Anfall zeigen viele Hunde subtile Verhaltensänderungen.
Symptome: Unruhe, Ängstlichkeit, vermehrtes Bellen, Speicheln, Anhänglichkeit oder Rückzug.
2. Der Anfall (Iktus)
Dies ist der eigentliche Krampfanfall. Er dauert meist nur wenige Minuten (durchschnittlich unter 2 Minuten).
Symptome: Versteifung der Muskulatur, Umfallen, Bewusstlosigkeit, Rudern/Paddeln mit den Beinen, Speicheln, Urin- oder Kotabsatz.
Wichtig: Ihr Hund ist während dieser Phase bewusstlos und empfindet keine Schmerzen.
3. Die Erholungsphase (Postiktale Phase)
Nach dem Anfall muss sich das Gehirn erholen. Diese Phase kann Minuten bis zu 48 Stunden dauern.
Symptome: Desorientierung, Heisshunger, Durst, Erschöpfung, Ruhelosigkeit oder (selten) Aggressivität, temporäre Blindheit.
Wann treten Anfälle auf?
Interessanterweise treten die meisten Anfälle nicht bei Aufregung, sondern aus dem Schlaf oder einem entspannten Zustand heraus auf, da dann die Krampfschwelle niedrig ist. Stress kann jedoch bei einigen Hunden ebenfalls ein Auslöser sein. Selten kommt es zur sogenannten Reflex-Epilepsie, bei der spezifische Reize wie Fressen, ein Tierarztbesuch oder der Hundecoiffeur einen Anfall auslösen.
Richtiges Handeln im Notfall: Do's & Don'ts
Wenn Ihr Hund einen Anfall hat, ist Ihre wichtigste Aufgabe, Ruhe zu bewahren und ihn vor Verletzungen zu schützen.
- Sicherheit: Entfernen Sie gefährliche Gegenstände (Stühle, Tische), an denen sich der Hund stossen könnte. Sichern Sie Treppen ab.
- Reizarmut: Schalten Sie Fernseher und Licht aus (abdunkeln). Sorgen Sie für Ruhe im Raum.
- Dokumentation: Schauen Sie auf die Uhr, um die Dauer zu messen. Wenn möglich, filmen Sie den Anfall für den Tierarzt.
- Tagebuch: Führen Sie ein Epilepsie-Tagebuch über Häufigkeit, Dauer und Art der Anfälle.
- Nach dem Anfall: Halten Sie Ihren Hund nach Möglichkeit von Treppen oder scharfen Gegenständen fern, solange er orientierungslos ist.
- Nicht in den Fang greifen: Versuchen Sie niemals, die Zunge herauszuziehen. Hunde verschlucken ihre Zunge nicht, können Sie dabei aber unabsichtlich schwer verletzen.
- Nicht festhalten: Versuchen Sie nicht, die krampfenden Bewegungen zu unterdrücken.
Wann muss ich sofort zum Tierarzt?
Kontaktieren Sie umgehend einen Tierarzt, wenn:
- Ihr Hund zum ersten Mal einen Krampfanfall hat.
- Der Anfall länger als 5 Minuten dauert (Status epilepticus) – dies kann lebensgefährlich sein.
- Mehrere Anfälle an einem Tag auftreten (Cluster-Anfälle).
- Der Hund sich nach dem Anfall nicht erholt oder aggressive Verhaltensweisen zeigt.
Behandlung und Therapie
Epilepsie ist nicht heilbar, aber oft gut behandelbar. Das Ziel ist die Reduktion der Anfallshäufigkeit und -schwere sowie die Verbesserung der Lebensqualität.
1. Medikamentöse Therapie
Antiepileptika erhöhen die Krampfschwelle im Gehirn. Zu den gängigen Wirkstoffen gehören unter anderem Phenobarbital, Imepitoin, Kaliumbromid oder Levetiracetam.
- Eine Therapie ist insbesondere bei zwei oder mehr Anfällen innerhalb von 6 Monaten, bei Status epilepticus, Clusteranfällen, bei schwer beeinträchtigter Erholungsphase oder bei einer Zunahme von Häufigkeit, Stärke und Dauer der Anfälle angezeigt.
- Für die Wirksamkeit ist es wichtig, Tabletten stets zur selben Tageszeit zu verabreichen.
- Kein abruptes Absetzen: Setzen Sie Medikamente niemals ohne Rücksprache ab, da dies sofortige, schwere Anfälle auslösen kann.
- Geduld: Es kann dauern, bis der Hund richtig eingestellt ist. Eine Anfallsfreiheit wird nur bei einem Teil der Hunde erreicht; oft gilt eine Reduktion der Frequenz um 50 % bereits als Erfolg.
2. Ernährung
Neben der medikamentösen Therapie kann auch die Fütterung einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf nehmen.
Insbesondere ein hoher Gehalt an mittelkettigen Fettsäuren (MCT) im Futter kann dazu beitragen, den Energiestoffwechsel im Gehirn zu verbessern. In Studien konnte bei therapieresistenten Hunden durch einen solchen Futterwechsel eine Reduktion der Anfallshäufigkeit nachgewiesen werden4.
Um diesen Effekt zu nutzen, gibt es zwei Möglichkeiten:
- Spezialfutter: Die Fütterung eines Alleinfuttermittels, das bereits mit MCT angereichert ist (wie z. B. Purina Veterinary Diets NC Neurocare).
- Nahrungsergänzung: Die Anreicherung des gewohnten Futters durch die Zugabe von MCT-Ölen (wie z. B. Aprilyc).
Auch der Einsatz von Cannabidiol (CBD) wird in der Epilepsietherapie zunehmend diskutiert. Die Gabe von CBD-Ölen gilt beim Hund als sicher und gut verträglich. Während antikonvulsive (krampflösende) Effekte in Tiermodellen und bei der Behandlung von Menschen bereits bestätigt wurden, ist die tatsächliche Wirksamkeit speziell beim Hund aufgrund der aktuellen Studienlage noch nicht abschliessend beurteilbar5. Es kann jedoch als begleitende Massnahme in Absprache mit dem Tierarzt in Betracht gezogen werden.
Leben mit einem Epileptiker
Zwar weisen statistische Daten darauf hin, dass Hunde mit idiopathischer Epilepsie eine etwas geringere Lebenserwartung haben als ihre gesunden Artgenossen – die mediane Überlebenszeit nach der Diagnose liegt bei etwa 2,3 Jahren. Doch lassen Sie sich von dieser Zahl nicht entmutigen: Entscheidend ist der individuelle Verlauf.
Wenn es gelingt, die Anfälle durch die Therapie gut zu kontrollieren oder zumindest deren Häufigkeit und Schwere zu reduzieren, können betroffene Hunde ein erfülltes und glückliches Leben führen. Viele Patienten geniessen ihren Alltag zwischen den Anfällen völlig beschwerdefrei und voller Lebensfreude.
Die Diagnose bringt auch einiges an Veränderungen und Belastungen für Ihren Alltag mit sich. Die Erkrankung erfordert ein hohes Mass an Disziplin, denn die Medikamente müssen strikt und pünktlich verabreicht werden. Das erfordert eine gute Planung und kann manchmal als Einschränkung empfunden werden. Auch die Sorge um das Tier kann die Lebensqualität des Besitzers beeinflussen6.
Doch diese intensive Fürsorge hat auch eine positive Seite: Die gemeinsame Bewältigung der Krankheit schweisst zusammen. Viele Halter berichten, dass die Beziehung zu ihrem Vierbeiner durch die erhöhte Aufmerksamkeit und das gegenseitige Vertrauen noch inniger und tiefer geworden ist.
Quellen :
Boehringer-Ingelheim (2013) Epilepsie-Leitfaden für Hundehalter, Hundehalter-Broschüre
5Potschka, H. et al. (2022) Cannabidiol in canine epilepsy. Vet J. 290:105913.